Erneut Ausschreitungen bei Protesten in Frankreich - Deutlich weniger Schäden
Am Rande von landesweiten Massenprotesten gegen hohe Lebenshaltungskosten und Missstände im Bildungssystem ist es in Frankreich das dritte Wochenende in Folge zu Ausschreitungen gekommen. Nach Angaben des Innenministeriums wurden 779 Menschen festgenommen, 116 Sicherheitskräfte wurden verletzt. Landesweit gingen erneut mehrere hunderttausend Menschen auf die Straße.
Die Demonstrationen seien trotz der "ungeheuerlichen Gewalt" einiger Randalierer "gut verlaufen", bilanzierte Innenminister Laurent Nuñez. Gruppen aus dem "äußerst linken Spektrum" hätten die Ordnungskräfte attackiert, beklagte er. Die von ihm am Sonntag vermeldete Zahl von 779 Festnahmen entspricht ungefähr der von vor einer Woche - damals waren 768 Menschen festgenommen worden. Vor zwei Wochen, als am 17. Oktober die Gewalt regelrecht explodiert war, wurden mehr als 2000 Menschen festgenommen.
Besonderes Aufsehen erregte am Samstag der Angriff mit einem Molotowcocktail auf einen Gendarmen in Paris, bei dem dessen Uniform Feuer fing. Nuñez nannte die Attacke "versuchten Mord", erklärte aber, der Beamte sei glücklicherweise nur leicht verletzt worden. Die Staatsanwaltschaft nahm nach eigenen Angaben am Sonntag Ermittlungen wegen eines Mordversuchs auf. Die rechtspopulistische Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen forderte im Onlinedienst X, die Urheber des Angriffs müssten gefunden "und mit größtmöglicher Härte" bestraft werden.
Der Industrie- und Handelskammer zufolge kam es zu weitaus weniger Sachbeschädigungen an Geschäften als in den Wochen zuvor. Demnach waren diesmal 20 Unternehmen betroffen - im Vergleich zu fast 2500 am 17. Oktober und 50 am 24. Oktober. Der Verband zeigte sich dennoch besorgt über mögliche Auswirkungen auf das Weihnachtsgeschäft. Auch die Hotelbranche habe Umsatzeinbußen verzeichnet.
Die Behörden gaben die Zahl der Teilnehmer bei dem größten Demonstrationszug in Paris mit 70.000 an. Zu den Zusammenstößen kam es nach dem Ende der Veranstaltung. Wie AFP-Journalisten beobachteten, lösten Vermummte Pflastersteine aus dem Boden und bewarfen damit die Beamten. Diese setzten Tränengas ein und gingen mit Schlagstöcken gegen die Menschen vor.
Den Behörden zufolge handelte es sich um mehrere hundert Randalierer. Später erklärte die Polizei, die Lage im Großraum Paris sei "ruhig". Für die Viertel République und Châtelet-Les Halles war eine nächtliche Ausgangssperre verhängt worden.
In Marseille kam es nach einem nicht genehmigten Protestzug mit rund 10.000 Teilnehmern ebenfalls zu Zusammenstößen. Bürgermeister Benoît Payan rief die Bevölkerung auf, sich in Sicherheit zu bringen und die Arbeit der Einsatzkräfte zu erleichtern. In Lyon wurden Polizisten mit Gegenständen beworfen, in Toulouse setzte die Polizei Wasserwerfer gegen eine nicht genehmigte Kundgebung ein.
Landesweit gingen am dritten Wochenende in Folge nach Behördenangaben 320.000 Menschen auf die Straße. Am vergangenen Wochenende waren es demnach noch 410.000 gewesen. Schüler- und Studentenorganisationen sprachen dagegen am Samstag von 500.000 Teilnehmern, darunter 200.000 in der Hauptstadt. Die Demonstrationen, an denen sich auch Gewerkschaften und frühere Geldwesten beteiligen, richteten sich gegen hohe Lebenshaltungskosten und Missstände im Bildungssystem.
Das Innenministerium erklärte, der Zulauf bei den Kundgebungen sei "rückläufig". Demnach sank die Zahl der Teilnehmer um 22 Prozent im Vergleich mit dem vergangenen Wochenende und um 42 Prozent im Vergleich zum 17. Oktober.
"Ich habe das Gefühl, dass wir der Regierung scheißegal sind", sagte eine 35-jährige Demonstrantin in Paris der Nachrichtenagentur AFP. Die 32 Jahre alte Sofia in Marseille erklärte, sie habe die Nase voll von der "kapitalistischen Gesellschaft, in der die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden".
Für die kommende Woche kündigten Studentenvertreter Schul- und Hochschulblockaden an. Der Präsident der Schülerorganisation Les Lycéens, Pierre Sourzat, sagte, Gymnasien würden nach Ende der Herbstferien "ab Montag" blockiert. "Es wird eher ab Dienstag losgehen, aber wir wissen, dass es Gymnasien geben wird, die schon ab morgen blockiert sein werden." Der französische Studentenverband rief dazu auf, Bildungseinrichtungen am Dienstag und am Donnerstag zu blockieren. Am Donnerstag ist ein weiterer landesweiter Protesttag geplant.
Die angekündigte Ablösung der umstrittenen Plattform für die Studienplatzvergabe durch die Regierung nannte Sourzat "Augenwischerei". Präsident Emmanuel Macron habe "uns so gut wie nichts gegeben". Macron hatte in der vergangene Wochen erklärt, die Jugend sei "gehört" worden. Schüler und Studenten sollten deshalb nach den Herbstferien "in Ruhe" in den Unterricht zurückkehren.
F.Dubois--JdB