Nobelpreis für Literatur geht an kanadische Lyrikerin Anne Carson
Der Nobelpreis für Literatur geht in diesem Jahr an die kanadische Lyrikerin Anne Carson. Die 76-Jährige werde für ihr "mutiges und erfinderisches" Werk geehrt, teilte die Schwedische Akademie in Stockholm am Donnerstag zur Begründung mit. Nach der Auszeichnung des Ungarn László Krasznahorkai im vergangenen Jahr geht der prestigeträchtige Preis damit in diesem Jahr wieder an eine Frau.
Die Ständige Sekretärin der Schwedischen Akademie, Ingrid Carlberg, sagte vor den in Stockholm versammelten Journalisten, sie habe Carson in Island telefonisch erreicht. Die Kanadierin sei sehr hörbar überrascht und sehr erfreut über die Auszeichnung gewesen. Carson habe ihr gesagt, "dass sie im Moment in Island ist, wo sie dem Wind lauscht". 2024 hatte die Kanadierin öffentlich gemacht, dass sie an der Nervenerkrankung Parkinson leidet.
Die in Toronto geborene Carson ist Professorin und kennt sich außer mit Literatur auch mit antiken Sprachen, Anthropologie und Geschichte aus. Sie schreibt über Liebe, Verlangen und Verzweiflung - und greift dabei auf Mystik mit einem modernen Dreh zurück. Ihr gelinge es, "in spielerischem Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen für die Gegenwartsliteratur" zu schaffen, erklärte die Schwedische Akademie.
Carsons Werk "Rot - Zwei Romane in Versen" basiert auf dem griechischen Mythos vom dreileibigen Geryon und den Helden Herakles, verwandelt die Geschichte aber in die moderne Erzählung eines schwulen Liebesdreiecks. Die Akademie hob außerdem Carsons Werk "Nox" von 2010 hervor, in dem sie auf einem meterlangen, wie ein Akkordeon gefaltetem Papier in Form von "Bildern, Briefen und anderen Texten" den Tod ihres Bruders Michael verarbeitete.
Für ihre Werke wurde Carson bereits mit diversen Preisen geehrt, seit Jahren wurde sie auch für den Literaturnobelpreis gehandelt. Nach der Auszeichnung von Krasznahorkai im vergangenen Jahr hatten Experten bereits damit gerechnet, dass der Literaturnobelpreis in diesem Jahr an eine Frau geht.
Die Schwedische Akademie stand lange in der Kritik, weil sie jahrzehntelang vor allem männliche weiße Autoren aus westlichen Ländern ausgezeichnet hatte. Nach einem Skandal um sexuellen Missbrauch im Jahr 2018 wurde die Akademie tiefgreifend reformiert. Seitdem ging jeder zweite Literaturnobelpreis an eine Frau. Zugleich betont die Akademie immer wieder, dass es allein um die Qualität der Werke eines Autors oder einer Autorin gehe und nicht um das Geschlecht.
Unter den 123 bisherigen Preisträgern sind mit Carson nur 19 Frauen. Nur wenige der Prämierten haben ihr Werk in asiatischen Sprachen oder Sprachen des Nahen Ostens verfasst. Afrikanische Sprachen wurden überhaupt nicht berücksichtigt.
Da keine Shortlist möglicher Literaturnobelpreisträger veröffentlicht wird, wird alljährlich vorab viel spekuliert, wer die Auszeichnung bekommt. Als eine der Favoritinnen wurde dieses Jahr Jamaica Kincaid gehandelt, die aus dem Karibikstaat Antigua und Barbuda stammt und sich in ihren Werken mit Kolonialismus und Rassismus auseinandersetzt.
Auch die Mexikanerin Cristina Rivera Garza, die zur Minderheit der Aborigines gehörende Australierin Alexis Wright und die Chinesin Can Xue wurden als Preis-Anwärterinnen gehandelt. Gelegentlich fiel auch der Name der deutschen Autorin Jenny Erpenbeck, die 2024 mit ihrem Roman "Kairos" den International Booker Prize gewonnen hatte.
Der Nobelpreis ist in diesem Jahr mit zwölf Millionen schwedischen Kronen (gut eine Million Euro) dotiert. Der schwedische König Cark XVI. Gustaf verleiht die Auszeichnungen in Literatur, den Wissenschaftskategorien und Wirtschaft am 10. Dezember, dem Todestag von Preisstifter Alfred Nobel, in Stockholm. Der Friedensnobelpreis wird am selben Tag in Oslo überreicht - an wen, wird am Freitag verkündet.
T.Bastin--JdB