Einstimmiger Beschluss im Aufsichtsrat: VW streicht 50.000 weitere Stellen
Die Einigung kam überraschend und sie ist einstimmig: Bei Volkswagen werden in den kommenden Jahren weltweit weitere 50.000 Stellen gestrichen, vier Werke in Deutschland stehen ab 2031 bis 2034 auf der Kippe. Das beschloss der Aufsichtsrat des Konzerns am Donnerstagabend. Vorstandschef Oliver Blume äußerte sich zufrieden; IG Metall und Betriebsrat betonten, eine "gefährliche Eskalation des Konflikts" sei verhindert worden.
Die Aufsichtsratssitzung war für den Freitag geplant gewesen - dann einigte sich das Kontrollgremium bereits am Donnerstagabend. VW teilte mit, der Aufsichtsrat habe dem "Zukunftsplan 2030" von Blume "intensiven und konstruktiven Beratungen" einstimmig zugestimmt. Der Konzernchef erklärte, das sei ein "starkes Signal" für die Zukunft von VW. Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch betonte, mit der Umsetzung sei "die dauerhafte Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit des VW-Konzerns gesichert".
IG Metall und Betriebsrat und auch das Land Niedersachsen als großer Anteilseigner hatten sich wochenlang gegen den Sparplan gewehrt. Blume hatte bei einer Betriebsversammlung vergangene Woche gesagt, die Hälfte des "Anpassungsbedarfs" sehe er in Deutschland.
2024 hatten sich Management und Arbeitnehmervertreter bei VW bereits auf ein massives Stellenabbauprogramm geeinigt. Bis 2030 sollen weltweit 50.000 Stellen gestrichen werden, 35.000 bei der Kernmarke. Aktuell hat VW 275.000 Beschäftige in Deutschland, weltweit über 600.000.
In ihrem Statement nach der Aufsichtsratssitzung äußerten sich IG-Metall-Chefin Christiane Benner und die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo nicht zu den neuen Stellenstreichungen. Cavallo erklärte, der Zukunftsplan sei eine "Notwendigkeit", um den Konzern erfolgreich ins nächste Jahrzehnt zu führen. Die Mitbestimmung im Konzern übernehme Verantwortung. Zudem sei eine Ausgliederung der Kernmarke VW und der VW-Komponente vom Tisch, "der Angriff auf die Mitbestimmungsstrukturen damit erfolgreich abgewehrt".
Die vier Werke Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm haben laut Aufsichtsrat "keine wettbewerbsfähige Folgebelegung" gestaffelt ab den Jahren 2031 bis 2034. Benner und Cavallo betonten, dass keine Werksschließung besiegelt sei. Sie sehen den Vorstand "in der Pflicht", für alle gefährdeten Standorte "konkrete Lösungen" zu erarbeiten.
Im Gespräch ist bereits, dass Rüstungsunternehmen die Werke nutzen könnten. Blume hatte im März gesagt, VW sei in Kontakt mit Unternehmen der Verteidigungsbranche. So könnte der VW-Standort Osnabrück entsprechend umgerüstet werden. Dabei könnte es etwa um eine Zusammenarbeit im Bereich der Raketenabwehr gehen. Mercedes-Chef Ola Källenius sagte im Mai, Autobauer seien "außerordentlich gut" darin, "Präzisionsmaschinen in hoher Qualität" herzustellen.
Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) bekräftigte am Freitag seine Forderung, VW müsse die Produktion von noch nicht in Deutschland verfügbaren, wettbewerbsfähigen Modellen von VW aus China intensiv prüfen. Auch Niedersachsens Regierungschef Olaf Lies (SPD) hatte bereits gesagt, der Bau chinesischer Autos in deutschen VW-Werken müsse "offen geprüft" werden.
Der Aufsichtsrat erklärte lediglich, für die vier Werke auf der Kippe würden "alternative Verwendungsmöglichkeiten geprüft". Lies betonte nach der Sitzung des Gremiums, "wir werden für unsere Standorte langfristige Perspektiven entwickeln". Die Politik "muss das flankieren", fügte er hinzu.
Der Vorstand betonte, der "umfassende" Zukunftsplan sehe auch gezielte Investitionen in neue Produkte, Technologien und die Wachstumsfelder von morgen vor. Für Investitionen in Sachanlagen sowie Forschung und Entwicklung sei von 2027 bis 2031 die "Zielgröße" von 135 Milliarden Euro geplant. Bis 2035 werde VW seine Modellpalette "um rund 50 Prozent" straffen - die "fokussierten Modelle" sollen höhere Stückzahlen je Modell und niedrigere Kosten ermöglichen. Die Abläufe sollen effizienter und schneller werden. "Nichtstrategische Aktivitäten" sollen verkauft oder umstrukturiert werden.
Im internationalen Geschäft will sich VW künftig auf die "profitabelsten Segmente" konzentrieren. Im China-Geschäft will der Konzern das Exportgeschäft "Richtung globaler Süden" ausrichten - also mehr Autos in Entwicklungs- und Schwellenländer verkaufen. Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer erklärte, die Entwicklung in China sei "ausschlaggebend für die Zukunft von VW".
Der nun gefundene Kompromiss sei "besser als die quälenden öffentlichen Diskussionen der letzten 24 Monate", erklärte Dudenhöffer. Jetzt gehe es in den kommenden Monaten um Verbesserungen und Produktpläne.
Autoexperte Stefan Bratzel sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", die Einsparungen allein "werden Volkswagen nicht retten". Er forderte mehr Investitionen in neue Wachstumsfelder wie autonomes Fahren oder Robotik.
Volkswagen ist Europas größter Autohersteller - der Umsatz lag im vergangenen Jahr bei rund 322 Milliarden Euro, der Gewinn bei 6,9 Milliarden Euro, nach 12,4 Milliarden Euro 2024. Zu schaffen machen dem Konzern vor allem einbrechende Absätze in China und die zunehmende Konkurrenz chinesischer Marken. Im zweiten Quartal dieses Jahres war der Gewinn im Vorjahresvergleich um fast ein Drittel auf 1,54 Milliarden Euro zurückgegangen.
A.Thys--JdB